SPRACHE AUSWÄHLEN EN DE

Bluebells!

Vor genau einem Jahr machten mein Engländer und ich einen Spaziergang. Wie heute war es ein wunderschöner Frühlingsmorgen, kühl, aber herrlich sonnig und die Coronakrise war noch unvorstellbar. Wir waren auf dem Land südlich von London. Der Weg führte über Felder und Wiesen mit malerischem Ausblick auf sanfte Hügel, überall das frische Grün des Frühlings.

Dann kamen wir auf einen Wald zu und der Boden schien blau zu schimmern. Aber die Farbe war so unpassend für die Umgebung, dass mein Gehirn sie zunächst als Täuschung verwarf. Dann sah ich sie: Bluebells, Tausende und Abertausende von blauen Blümchen, über den gesamten Waldboden verteilt. Es war, als hätte man die Bäume auf einen tiefblauen, hochflorigen Teppich gigantischen Ausmaßes gestellt.

Bluebells
Bluebells, Tausende und Abertausende von blauen Blümchen, über den gesamten Waldboden verteilt. Es war, als hätte man die Bäume auf einen tiefblauen, hochflorigen Teppich gigantischen Ausmaßes gestellt.

Wir hatten einen Bluebell-Wald gefunden. Als ich so etwas zum ersten Mal sah, fragte ich mich, wer wohl die vielen Blumen gepflanzt hatte. Schnell wurde ich belehrt, daß ihr Vorkommen natürlich sei. Mir fiel es schwer, das zu glauben. Jahre später wurde mir klar, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt. Die Bluebells sind zwar in Westeuropa heimisch, aber ohne massiven menschlichen Eingriff kommen sie von Natur aus nicht in solch enormen Mengen an einem Ort vor.

Bluebells (Hyacinthoides non-scripta) heißen auf deutsch ‘Hasenglöckchen’. Im Frühjahr bilden die kleinen Zwiebelpflanzen zarte Stängel, an denen 5-12 tief violett-blaue Glöckchen hängen. Bluebells sind recht wählerisch, was ihre Lebensbedingungen angeht. Sie brauchen genau die richtige Menge an Licht und Schatten. Der Boden unter dem löchrigen Blätterdach eines jungen Laubwaldes ist perfekt. Ausgewachsene Wälder sind zu dunkel, sogar im Frühling, bevor die Bäume ihre Blätter entfalten.

Bluebells
Bluebells (Hyacinthoides non-scripta) heißen auf deutsch ‘Hasenglöckchen’. Im Frühjahr bilden die kleinen Zwiebelpflanzen zarte Stängel, an denen 5-12 tief violett-blaue Glöckchen hängen.

Hier kommt die „Mittelwaldwirtschaft“ ins Spiel. Dabei handelt es sich um eine Art der Waldbewirtschaftung, bei der fast alle Bäume in regelmäßigen Abständen kurz über dem Boden abgesägt werden. Von jedem Baumstumpf wachsen dann mehrere dünne Stämme nach, die nach ein paar Jahren ihrerseits wieder gefällt werden. Das Ergebnis ist ein ewig junger Wald – der perfekte Lebensraum für Bluebells.

An jenem sonnigen Frühlingstag im vergangenen Jahr standen mein Engländer und ich in einem solchen Mittelwald. Im Gegensatz zu einem gewöhnlichen Laubwald, wirkte er seltsam beleuchtet. Sonnenstrahlen drückten durch das Blätterdach und strahlten die winzigen blauen Glöckchen auf dem Boden an.

Bluebells
In einem Mittelwald werden einige wenige Bäume unangetastet gelassen währen alle anderen regelmäßig gefällt werden. Dies sorgt für unterschiedliche Lebensräume.
Bluebells
Ein ausgewachsener Baum zwischen dünnen Stämmen, so sieht ein Mittelwald aus.
Bluebells
Das helle Blätterdach eines Mittelwaldes

Als wir weitergingen, veränderte sich die Vegetation plötzlich komplett, oder besser gesagt, es gab auf einmal sehr wenig davon, Baumstümpfe statt Wald. Es sah beunruhigend nach Umweltzerstörung der brutalsten Art aus. Aber überraschenderweise ist der Mittelwald besonders artenreich. Ein Stück weiter sahen wir wie junge Triebe oder Stockausschläge aus den Baumstümpfen wuchsen, und noch ein Stück weiter größere Triebe, fast kleinen Bäume. Unser Spaziergang war zu einer Art Lehrpfad für die Mittelwaldwirtschaft geworden. Später fanden wir ein Schild, das erklärte, dass dieser Wald in einem 14-Jahres-Zyklus bewirtschaftet wird, wobei jedes Jahr kleine Abschnitte abgeholzt werden, um ständig ein Maximum an Lebensräumen zu bieten.

Bluebells
Ein vor kurzem gefälltes Gebiet, nur wenige Bäume läßt man stehen, der Rest wird alle 14 Jahre gefällt.
Bluebells
Ein Jahr alter Ausschlag aus den Baumstümpfen
Bluebells
Blätter an einem jungen Kastanientrieb
Bluebells
Dieser Ausschlag ist mehrere Jahre alt. Langsam werden wieder Bäume erkennbar.

Es scheint unwahrscheinlich, fast schon absurd, zufällig einen Bluebell Wald zu finden. Im Südosten Englands ist es das nicht. Hier wird die uralte Tradition der Mittelwaldwirtschaft noch häufig praktiziert, wenn auch eher von Umweltschützern als von kommerziellen Holzanbauern.

Ein schöner Nebeneffekt dieser Naturschutzbemühungen ist die weltweit höchste Konzentration von Bluebell-Wäldern. In Kent und Sussex ist es also nicht schwierig, zufällig einen zu finden. Wenn es passiert, ist es an einem Wintermorgen wenn die gewohnte Welt plötzlich von einer Schicht Schnee verdeckt wird, märchenhaft!

Bluebells
Südostengland hat die weltweit höchste Konzentration von Bluebell Wäldern.

Bürgersteiggärten

Die dichte Bebauung ließ keinen Platz für Gärten. Aber es gab Pflanzen – in Töpfen. Sie standen vor fast jedem Haus, meist in Gruppen neben der Haustür. Einige Häuser waren fast vollständig von einer Sammlung von Kästen und Töpfen umgeben, die alle dicht bepflanzt waren.

Pflanzen vor Wänden

Vor unserer Reise nach Japan hatte ich nicht erwartet, in den Straßen der Städte gärtnerisch Interessantes zu finden. Vor Ort war ich dann sofort fasziniert von dem Zusammenspiel aus strikter Ordnung und wildem Überschwang. – Dies ist der erste Teil eines zweiteiligen Fotoessays über Pflanzen in japanischen Städten.