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Der Genuss eines hervorragenden Gartens

Nicht alles muss 'cutting edge' sein, um interessant zu sein. Manchmal ist klassisch genauso spannend - vor allem, wenn es mit so viel Sorgfalt und Sachverstand umgesetzt ist wie im Savill Garden!

Der Besuch von Gärten ist seit etwa 10 Jahren meine liebste Beschäftigung. Ich finde es unendlich interessant, Gärten zu entdecken, die für ihre Rolle in der Gartengeschichte oder jüngste Innovationen bekannt sind. Ein Spaziergang durch ein von menschlichen Vorstellungen von Schönheit geprägtes Stück Natur ist mich äußerst angenehm, entspannend und belebend. Zum Glück ist mein Engländer davon genauso begeistert wie ich. In normalen Jahren besuchen wir mindestens ein Dutzend der großartigen Gärten Englands, nur in diesem Jahr leider – noch – nicht.

Gerade als die Frühlingssaison begann, mussten alle sonst öffentlich zugänglichen Gärten wegen des Lockdowns schließen. Im Juli öffneten sie wieder, aber war ich schon zurück in Düsseldorf. Als ich Mitte August wieder nach London kam, war ein Ausflug zu einem Garten überfällig.

Doch Gartenbesuche sind wetterabhängig, zumindest für mich. Bei Regen oder Sturm gehe ich nicht gerne an Rabatten entlang, egal wie gut die Bepflanzung ist. Hier macht das unberechenbare englische Wetter die Dinge komplizierter. Um maximalen Genuss zu gewährleisten, waren unsere Gartenbesuche immer spontan.

Leider verkomplizieren die derzeitigen sozialen Distanzierungsmaßnahmen dies. Spontan einen großartigen Garten zu besuchen, ist genauso schwierig, wie in der Vor-Corona-Zeit kurzfristig einen Tisch in einem von Kritikern gefeierten Restaurant zu bekommen. Aber es gab auch immer die etablierten Restaurants, die noch lange nachdem sie in aller Munde gewesen waren im Stillen hervorragend blieben und in der Regel sofort gebucht werden konnten. Der Savill Garden ist das gärtnerische Pendant – und einer unserer Favoriten.

Mein Engländer und ich sind früh da; es wird ein sehr heißer Tag werden. Sobald wir unsere im Voraus gebuchten Eintrittskarten abgeholt haben, nehmen wir unsere Gesichtsmasken ab und der Garten fühlt sich an wie immer: geräumig, großartig und sofort entspannend.

Wir eilen zu den Staudenbeeten, der Hauptattraktion dieser Saison. In großem Stil angelegt, verlaufen sie zu beiden Seiten eines penibel gepflegten Rasenstreifens, der so breit ist wie eine Schnellstraße. Jede Rabatte ist mit Massen von Stauden gefüllt, die in der Höhe von von 2,5 Metern hinten bis zu wenigen Zentimetern vorne gestaffelt sind.

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Von weitem sehen die Rabatten wie Regenbögen aus, die sanft von Gelb über Orange in Rot und Violett übergehen.
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Auf der rechten Seite von hinten nach vorne: Canna, Tithonia, Kniphofia, Crocosmia
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Dahlia ‚Knockout‘ vor Kniphopia ‚Victoria‘

Alle Pflanzen sind sorgfältig platziert, um die maximale Sichtbarkeit ihrer Blüten zu gewährleisten. Hier dreht sich alles um Farbe. Von weitem sehen die Rabatten wie Regenbögen aus, die sanft von Gelb über Orange in Rot und Violett übergehen. Diese verschwenderische Menge blühender Pflanzen zelebriert eine der großen, englischen Erfindungen: die Staudenrabatte.

Die Idee, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand, wurde von Gertrude Jekyll zu Beginn des 20. Jahrhunderts perfektioniert. Präzise abgestufte Farben waren das bestimmende Merkmal. Jekylls Pflanzpläne ließen abstrakte, mit Blüten gemalte Bilder entstehen. Sie verwendete Pflanzen wie die Farbtupfer eines impressionistischen Gemäldes.

Hier im Savill Garden wird das Konzept in riesiger Dimension gezeigt. Die farbigen Punkte sind eher Farbflächen bestehend aus jeweils nicht nur 2 oder 3 Pflanzen sondern 10 oder 20. In dem weiten Raum zwischen den Rabatten fühlt man sich wie in einer Freiluftkathedrale, die dem Genuss blühender Pflanzen geweiht ist.

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Perfekt abgestimmte Gelbtöne: Crocosmia x crocosmiiflora ‚Solfatare‘, Hamerocallis ‚Ophir‘, Helenium ‚Wesergold‘, Miscanthus sinensis ‚Strictus‘, Rudbeckia laciniata ‚Goldquelle‘, Xerochrysum bracteatum ‚Sundaze Totally Yellow‘
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Canna x generalis ‘Cannova Yellow’
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Xerochrysum bracteatum ‚Sundaze Totally Yellow‘

Aus nächster Nähe wird die sorgfältige Auswahl von Pflanzensorten hinsichtlich ihrer Farbe und Höhe deutlich. Blüten in ähnlichen, harmonisch abgestimmten Tönen stehen nebeneinander. Außerdem sind Pflanzen gruppiert, deren Blüten den exakt gleichen Farbton haben. Bei Canna ‚Black Knight‘, Dahlia ‚Bednall Beauty‘ und Ricinus communis ‚New Zealand Purple’ weiß man kaum, wo die eine Pflanze endet und die andere beginnt, denn auch die Blattfarbe ist identisch.

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In dem weiten Raum zwischen den Rabatten fühlt man sich wie in einer Freiluftkathedrale, die dem Genuss blühender Pflanzen geweiht ist.
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Farblich angepaßt: Canna ‚Black Knight‘, Dahlia ‚Bednall Beauty‘, Ricinus communis ‚New Zealand Purple‘
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Bei Insekten beliebt: Solidago ‚Goldstrahl‘

Langsam schlendern wir entlang dieses fantastischen Displays blühender Pflanzen, genießen die luxuriösen Ausmaße und die Perfektion. Und das ist noch nicht alles. So dominierend die großen Staudenrabatten zu dieser Jahreszeit auch sind, der Savill Garden besteht aus vielen weiteren Einzelgärten.

Gleich um die Ecke beginnt eine weitere formelle Rabatte. Kleiner als die Staudenrabatten, aber immer noch von beeindruckender Größe, ist dies die Bühne für Schmucklilien (Agapanthus). Zwischen verschiedensten Sorten mit Blütenfarben von ultramarin bis weiß stehen feurig-orangene Kniphofia in leuchtendem Komplimentärkontrast. Immergrüne Yuccas sind meisterlich mit den riemenförmigen Blättern der Agapanthus kombiniert. Leider haben wir den Höhepunkt der Blüte um vielleicht eine Woche verpaßt. Dennoch ist die Wirkung, die das Pflanzenarrangement vor dunklen Eibenhecken erreicht, beeindruckend.

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Zwischen verschiedensten Sorten mit Blütenfarben von ultramarin bis weiß stehen feurig-orangene Kniphofia in leuchtendem Komplimentärkontrast.
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Immergrüne Yucca pecurvifolia sind geschickt mit den riemenförmigen Blättern der Agapanthus (Headbourne worthy hybrid) ‚Castel of Mey‘ kombiniert.
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Leider haben wir den Höhepunkt der Blüte um vielleicht eine Woche verpaßt.

Im ‘Dry Garden’ ist die Gestaltung freier. Als wir die schmalen, gewundenen Wege entlanggehen, stoßen wir auf Verbascum-Pflanzen, die wie zufällig selbst-gesät im Kies stehen. Ein Stück weiter entdecken wir ungewöhnliche Pflanzen, wie Colutea arborescens, einen Strauch mit leuchtend orangefarbenen Blüten und großen, aufgeblasenen wirkenden Samenkapseln oder eine bemerkenswert zarte Sorte der Euphorbia (Euphorbia seguieriana).

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Im ‚Dry Garden‘: Verbascum-Pflanzen, die wie zufällig selbst-gesät im Kies stehen
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Colutea Arborescens
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Euphorbia seguieriana

Weiter unten im Tal ist sind unter Bäumen die Beete grün und üppig. Die ‘Hidden Gardens’ waren das Highlight unseres Besuches im Frühjahr letzen Jahres. Jetzt, in der Hitze des Sommers, fühlt sich die Gegend wie eine schattige, intensiv grüne Oase. Alle Beete sind von einer dichten Schicht grüner Laubpflanzen bedeckt. Blüten sind hier weniger wichtig, aber eine Kombination fällt auf: Die gelben länglichen Blütenkegel der Ligularia ‚Savill Spire‘ ergänzen die ähnlich geformten hellvioletten Blüten der Astilbe (Thunbergii-Hybride) ‚Ostrich Plume‘. Ich liebe diese gestalterische Präzision!

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Üppige Szene in den ‚Hidden Garden‘: Die länglichen Blütenkegel der Ligularia ‚Savill Spire‘ über einer dichten Schicht von Laubpflanzen
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Die gelben länglichen Blütenzapfen der Ligularia ‚Savill Spire‘ ergänzen die ähnlich geformten hellvioletten Blüten der Astilbe (Thunbergii-Hybride) ‚Ostrich Plume‘.
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Jetzt, in der Hitze des Sommers, fühlt sich die Gegend wie eine schattige, intensiv grüne Oase.

Bevor die Hitze zu unerträglich wird, sitzen wir wieder im Auto. Es war ein wunderbarer Vormittag, ein erfrischendes Bad in gärtnerischer Exzellenz. Ein Besuch hier birgt nicht die Gefahr, gescheiterte Experimente oder andere Umzulänglichkeiten erdulden zu müssen. Der im Savill Garden ist immer purer Genuß.

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Rückansicht des Eingangsgebäudes des Savill Garden

Besuchsinformationen

Adresse: Savill Garden, Wick Ln, Englefield Green, Egham TW20 0UJ, Großbritannien

Öffnungszeiten und weitere Informationen unter: windsorgreatpark.co.uk

Früher Morgen am Ryoan-ji

Es ist sehr still. Nichts bewegt sich. Die Präzision dieses höchst fragilen Arrangements ist atemberaubend. Es ist der Ausdruck einer einfachen Idee voll unendlicher Variation. Dies ist der berühmteste Zen-Garten der Welt – Ryoan-ji.

High Beeches ist anders

Es gibt keine vorgeschriebenen Wege, keine offensichtlich konstruierten Ansichten. Die bemerkenswert spärliche Bepflanzung eröffnet eine Vielzahl von Blickwinkeln. Ein Spaziergang durch den Garten zeigt immer neue Kompositionen von Formen, Texturen, Farben. Jeder Besucher ist eingeladen, seine eigene Perspektive zu finden.