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Die Magnolie

‘Sie fällen die Magnolie!’ Mein Engländer eilt zum Fenster, um es selbst zu sehen. Zwei Gärten entfernt steht der neue Besitzer auf einer Leiter und hält eine Säge in der Hand. Ein großer Ast ist noch dran. Er ist über und über mit dicken, gesunden Knospen bedeckt. In wenigen Wochen wären aus ihnen die prächtigsten Blüten des Frühlings geworden. Nun sind sie kurz davor, entsorgt zu werden. Ich kann nicht weiter zusehen, wie der Baum gefällt wird. Es tut mir zu weh.

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In wenigen Wochen wären aus den Knospen die prächtigsten Blüten des Frühlings geworden.

Ich denke zurück an einen Vormittag vor etwa 20 Jahren, als ich plötzlich ein beunruhigendes Werkzeuggeräusch hörte. Ein Blick aus dem Fenster der Wohnung in Düsseldorf, in der ich damals wohnte, bestätigte meinen Verdacht. Es war eine Motorsäge, mit der die große Buche, der einzigen Baum hinter dem Haus, gerade gefällt wurde. Wie heute konnte ich den Anblick nicht ertragen. Aber es gab kein Entrinnen, nirgendwo in der Wohnung, der Lärm war einfach zu laut. Ich erinnere mich, dass ich das Fällen stoppen wollte, mich fragte, welche Behörde ich anrufen müsste, um mir bestätigen zu lassen, dass es sich um ein illegales Vorgehen handelte, denn das war es sicherlich. Ich tat es nicht. Irgendwann hörte der Lärm auf. Von da an war ich jedes Mal, wenn ich den Baumstumpf sah, zutiefst traurig.

Jetzt frage ich mich wieder, hätte ich hingehen und mit den Leuten sprechen sollen, in deren Garten die Magnolie steht, oder besser gesagt, stand? Was hätte ich gesagt? Ist sie nicht wunderschön? Was für ein außergewöhnlicher Baum! Ich weiß, dass es kein Gesetz gibt, das die Nachbarn davon abhält, diesen Baum zu fällen. Ich habe es überprüft. Letztes Jahr, als die ältere Dame, die in dem Haus gelebt hatte, verstarb und das Grundstück verkauft wurde, war ich besorgt, dass so etwas passieren könnte. Ich recherchierte was eine „Tree Preservation Order” ist. Aber ich entschied mich dagegen, eine zu beantragen, weil ich mich nicht in die Vorstellungen anderer Leute von ihren Gärten einmischen wollte. Und überhaupt, dachte ich, die neuen Besitzer würden sich sicherlich in die Magnolie verlieben, so überwältigend schön wie sie war.

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Ich dachte, die neuen Besitzer würden sich sicherlich in die Magnolie verlieben, so überwältigend schön wie sie war.

Mir fällt es schwer zu verstehen, warum sie es nicht getan haben. Ich versuche, mir praktische Gründe vorzustellen. Die zahlreichen großen Blütenblätter fallen auf den Boden und müssen je nach Untergrund weggeräumt werden. Kunstrasen ist hier in der Gegend bei Familien mit kleinen Kindern sehr beliebt. Die Kunststoffoberfläche sieht aus wie eine perfekte Grasfläche, muss aber nicht gemäht werden. Diese Art von Komfort scheint viele Menschen anzusprechen. Ich kann mit einer solchen Sicht auf die Natur nichts anfangen. Aber die Leute, die diesen Baum gerade fällen, könnten durch etwas ganz anderes motiviert sein. Vielleicht bin ich ungerecht, weil ich so wütend bin.

Es gibt natürlich triftige Gründe, einen großen Baum nicht zu wollen. Er dominiert einen kleinen Garten, definitiv. Er wirft Schatten, auch auf die Nachbargrundstücke, vielleicht sogar auf das Haus. Bäume saugen Feuchtigkeit und Nährstoffe auf und schränken ein, was unter ihnen wachsen kann. Aber die meisten Bäume, einschließlich Magnolien, können beschnitten werden, um ihre Größe zu begrenzen und wenn der Unterwuchs aus einer Gruppe von Pflanzen ausgewählt wird, die an solche Bedingungen angepasst sind, müssen die Standortbedingungen kein Nachteil sein. Ich werde wahrscheinlich nie herausfinden, warum diese Familie den Baum fällt. Es ist ihre Entscheidung, ihr Garten. Was bei mir zurückbleibt, ist Bedauern, ein Gefühl der Trauer.

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Ich werde wahrscheinlich nie herausfinden, warum diese Familie den Baum fällt. Es ist ihre Entscheidung, ihr Garten.

‘Wir haben dasselbe getan’, sagt mein Engländer. Sofort will ich entgegnen: ‚Nein, haben wir nicht!‘. Dann wird es mir langsam klar. Ja, es stimmt, wir haben zu Beginn alle Pflanzen, die hier standen, ausgerissen, weil sie nicht in unsere Vorstellung von unserem Garten paßten. Und wir haben außerdem die Nachbarn ermuntert, ihre Bäume zu stutzen, um mehr Licht zu bekommen. Insgesamt haben wir wahrscheinlich so viel Biomasse entfernt, wie diese Magnolie hat, nur dass es nicht eine einzelne Pflanze war, sondern eine ganze Reihe von ihnen. Ich habe noch nie so darüber nachgedacht.

Aber wenigstens haben wir die Pflanzen nicht vernichtet, sondern ausgegraben und verschenkt. Sie wachsen jetzt an anderer Stelle – mit Ausnahme des hohen Bambus. Diese Pflanze war schwer zu entfernen gewesen; die Wurzeln mussten zerschnitten werden, um sie herauszubekommen. Ihre Überreste landeten in einem Müllcontainer, zusammen mit all dem Beton und Schutt, den die Handwerker dort ausgruben, wo nun unser großes Blumenbeet ist.

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Wir haben zu Beginn alle Pflanzen, die hier standen, ausgerissen, weil sie nicht in unsere Vorstellung von unserem Garten paßten.

Ich gehe wieder hoch in den ersten Stock, ans Fenster. Die Magnolie ist nun komplett verschwunden. Wenn ich mir die vielen anderen Gärten ansehe, alle ordentlich durch hohe Holzzäune voneinander getrennt, frage ich mich, wie sich die Vegetation hier im Laufe der Zeit verändert hat.

Wahrscheinlich war dies ein Feld, bevor die Häuser vor etwa einem Jahrhundert gebaut wurden. Für die vielen Familien, die dann einzogen, wird es aufregend gewesen sein, einen eigenen Garten zu haben, egal wie klein. Sie werden gepflanzt und gepflegt und ihr kleines Stückchen Natur genossen haben, alle auf ihre eigene Weise. Nach ein paar Jahren werden diese Leute weggezogen sein und neue Besitzer werden gekommen sein, und bevor sie ihren neuen Garten bepflanzt, gepflegt und genossen haben, werden sie wahrscheinlich einige der alten Pflanzen entfernt haben.

Von diesem Fenster aus kann ich etwa 20 kleine Gärten sehen. Statistisch gesehen wird jeder von ihnen in den letzten 100 Jahren mindestens 10 verschiedene Besitzer gehabt haben. Dieses kleine Stückchen London, weniger als 1000 Quadratmeter groß, wurde also von 200 Familien geprägt. Ich versuche, sie mir alle auf diesem sehr begrenzten Raum vorzustellen.

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Wenn ich mir die vielen anderen Gärten ansehe, alle ordentlich durch hohe Holzzäune voneinander getrennt, frage ich mich, wie sich die Vegetation hier im Laufe der Zeit verändert hat.

Ein paar Wochen später, Anfang März, sitze ich auf dem Sofa in der Küche. Durch die Glastüren kann ich die linke Seite unseres Gartens und den Holzzaun sehen. Zu dieser Jahreszeit steigt die Sonne hoch genug, dass ihre Strahlen das Sofa erreichen und es zu einem besonders angenehmen Ort machen. Ich ertappe mich dabei, wie ich auf einen Bereich oberhalb des Zauns starre. Dort ist nichts als Himmel. Das ist die Stelle, an der die Magnolie jetzt ihre Blüten geöffnet hätte.

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Der Blick vom Küchen-Sofa hat sich verändert. Die Magnolie existiert nicht mehr und der Eukalyptusbaum ist gestutzt worden.

Es war wahrscheinlich eine Magnolia X soulangeana, eine Hybride aus Magnolia denudata × Magnolia liliiflora, die im 18. Jahrhundert in Frankreich entstand. Sie ist eine der verbreitetsten Magnolien in England, und das aus gutem Grund. Zu Beginn des Frühlings, bevor die Blätter erscheinen, ist die gesamte Krone des Baumes einige Wochen lang mit großblättrigen Blüten bedeckt, deren Farben von leuchtendem Weiß über zartes Rosa bis zu tiefem, dunklem Magenta reichen.

Magnolien sind faszinierende Pflanzen. Sie werden von Käfern befruchtet, denn als sich die Blüten entwickelten, gab es noch keine Bienen. Ich vermute, dass dies der Grund ist, warum ihre Staubgefäße viel robuster sind als die der meisten anderen Pflanzen. Jede Blüte hat die Eleganz einer Skulptur der Moderne.

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Bei einem Spaziergang kamen wir heute an einer Magnolia X soulangeana vorbei. Die ersten Blüten waren kurz davor, sich zu öffnen.

In den letzten sieben Jahren war die Magnolie unsere ‘geborgte Landschaft’, ein großzügiges Geschenk ihres Vorbesitzers an die ganze Nachbarschaft. Ich versuche, nicht über ihr Fehlen nachzudenken. Nach einem langen Winter erscheint jeder grüne Trieb wie ein Wunder, aber ein ganzer Baum bedeckt mit Hunderten, vielleicht Tausenden von großblättrigen Blüten, das ist die eindrucksvollste Demonstration von Erneuerung. Bei einem Spaziergang kamen wir heute an einer Magnolia X soulangeana vorbei. Die ersten Blüten waren kurz davor, sich zu öffnen. In den nächsten Wochen wird es sehr schwer sein zu vergessen, dass über dem Zaun auf der linken Seite des Gartens etwas fehlt.

Lockdown-Saat

Was genau passierte da während des ersten Lockdowns? Die Leute gärtnerten. Und sie stürmten in die Parks. Aber warum? War es nur Langeweile?