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Frisch grüne Perfektion

Jedes Jahr im Frühling besuchen mein Engländer und ich den Savill Garden. Er ist nicht sonderlich bekannt, obwohl er das verdient hätte. Dre Garten ist einer unserer Lieblingsgärten: Das ideale Ziel für einen Ausflug an einem sonnigen Frühlingstag. Aber dieses Jahr hält uns der Coronavirus gefangen und der Savill Garden ist zu. Mit Hilfe von Erinnerungen und den Fotos aus dem letzten Jahr stelle ich mir vor, wie es wäre, den Savill Garden jetzt zu besuchen.

Von der Terrasse des Eingangsgebäudes blicke ich in ein weites Tal. Durch die Mitte fließt ein Bach, der zu zwei Teichen gestaut ist. Die sanften Hänge sind mit kurz geschorenem Gras bedeckt. Am Wasserrand leuchten gelbe Blüten im Sonnenschein, es sind Kolonien des Riesenaronstabes (Lysichiton americanus). Die Pflanzen kommen aus Feuchtgebieten Nordamerikas und haben hier einen perfekten Lebensraum gefunden. Ich liebe die tropische Anmutung dieser großen, wie Calla-Lilien geformten Blüten. Normalerweise ist meine Freude, Lysichiton americanus irgendwo zu finden, mit Schuldgefühlen gepaart. In Großbritannien und der EU gilt die Pflanze wegen ihrer exzessiven Ausbreitung entlang von Wasserwegen als invasiv. Hier im Savill Garden kann ich sie mit gutem Gewissen genießen. Der Garten wird so gut gepflegt, dass keine Gefahr besteht, dass sich die Pflanze unkontrolliert ausbreitet.

Savill Garden in spring
Am Wasserrand leuchten gelbe Blüten im Sonnenschein, es sind Kolonien des Riesenaronstabes (Lysichiton americanus).

Auf der anderen Seite des Tals sind die „Verborgenen Gärten“. Unter stattlichen Bäumen schlängeln sich Pfade bedeckt mit weichen Teppichen aus frisch gemähtem Gras zwischen Beeten mit Frühlingsblumen. Einige Beete sind voll gepackt mit feinblättrigen Zahnlinien (Erythronium), während in anderen noch viel kahle Erde zu sehen ist. Hier und da sprießt frisches Grün. Jedes Blatt sieht noch perfekt aus, keine Schnecke und kein Vogel hat es bisher entdeckt. Die wie Plissee gefalteten Blätter des Veratrum album und die dünnen Schwerter der Iris sibirica sind meine Favoriten. Schöne Blätter finden sich nicht nur am Boden. Vereinzelt bilden zarte japanische Ahorne halb-transparente Sonnenschirme. Wir finden ein ovales Beet mit leuchtend violetten Pompons der Kugel-Primeln (Primula denticulata), Trillium mit seinen charakteristischen drei Blättern und weißen (Trillium grandiflorum) oder kastanienbraunen Blüten (Trillium cuneatum) neben mehreren anderen seltenen Pflanzen, deren Namen wir nicht kennen. Dies ist ein perfekter Frühlingsgarten, in grüne Rasenbändern verpackt.

Durch Zufall kommen wir mit einer der Gärtnerinnen über die Schönheit des frischen Grüns in diesem Teil des Gartens ins Gespräch. Zu unserer Überraschung erzählt sie uns von einem Problem. Wasser ist die Voraussetzung für dieses üppige Grün, aber zu viel schadet und hier gibt es zu viel. Die Rasenwege sind besonders gefährdet. Anscheinend gab es früher überall im Tal schmale Entwässerungsgräben. Im Laufe der Jahrzehnte wurde eine Reihe von ihnen aus ästhetischen Gründen zugeschüttet, was zu den heutigen Problemen und aktuellen Bemühungen um neue Drainage führte. Ironischerweise ist der Boden im Rest des Gartens so trocken, daß es bewässert werden muß. Nach diesem Gespräch haben wir das Gefühl, hinter die Kulissen geschaut zu haben. Das Wissen um die Schwierigkeiten lässt uns die gärtnerische Perfektion um uns herum noch mehr schätzen.

Savill Garden in spring
Pfade bedeckt mit weichen Teppichen aus frisch gemähtem Gras zwischen Beeten mit Frühlingsblumen.
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Mein Engländer geht an feinblättrigen Zahnlinien (Erythronium) vorüber.
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Vereinzelt bilden zarte japanische Ahorne halb-transparente Sonnenschirme.
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Die wie Plissee gefalteten Blätter des Veratrum album
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Die dünnen, wie Schwerter geformten Blätter der Iris sibirica
Savill Garden in spring
Leuchtend violette Pompons von Kugel-Primeln (Primula denticulata), Trillium mit seinen charakteristischen drei Blättern neben mehreren anderen seltenen Pflanzen, deren Namen wir nicht kennen
Savill Garden in spring

Bevor wir in andere Teile des Gartens gelangen, ist es Zeit zum Mittagessen. Also, den Hang hinauf zum Besucherzentrum. Das Gebäude ist beeindruckend. Das Dach ist eine exquisit gearbeitete Holzwelle. Von innen sieht die Konstruktion aus wie die Unterseite eines Lilienblattes, eines sehr großen. Das Gebäude ist in jeder Dimension riesig. Zu den Seiten scheint es sich fast bis ins Unendliche zu erstrecken. Ein Restaurant, ein Cafe und Shop mit Geschenkartikeln sind über den offenen Raum verteilt. Man könnte meinen, in einer modernen Autobahnraststätte zu sein, leider vor allem wegen des Essen im Restaurant. Aber das Essen ist das einzige Verbesserungswürdige hier. Alles andere strahlt gehobene Liebe zum Detail aus, gut gestaltet, gut gepflegt, aus den besten Materialien hergestellt (die Toilettenkabinen sind aus massiver Eiche). Also vielleicht ein Raststätte, aber eine fürstliche.

Das ist kein Zufall, denn der Savill Garden ist Teil des Windsor Great Park. Diese ausgedehnte Parklandschaft westlich von London war einst das private Jagdrevier der Monarchen. Heutzutage ist die Königin zwar noch Eigentümerin des Crown Estate, aber er wird vom Parlament kontrolliert und alle Einnahmen fließen direkt in die Staatskasse. Dennoch scheint der Garten sich um Finanzierung nicht sorgen zu müssen. Viel mehr prägt der teure, arbeitsintensive Perfektionismus den Stil der Gartens.

Nach dem Mittagessen im Café (dort ist das Essen tendenziell etwas besser als im Restaurant) biegen wir rechts vom Hauptweg ab. Hier herrschen gedämpfte Farben vor, silber-grün bis blass-sandfarben. Pflanzen haben architektonische Formen, die Blätter sind rau oder stachelig und ungewöhnlich geformt. Die dünnen Äste von Muehlenbeckia astonii, zum Beispiel, scheinen das 3-dimensionale Modell einer mathematischen Formel zu sein. Cordylines sehen aus wie stachelige, vereinfachte Versionen von Palmen. Dies ist der New Zealand Garden. Die Königin erhielt die ersten Pflanzen für diesen Garten als Geschenk der neuseeländischen Regierung während eines Staatsbesuchs im Jahr 1986. Seither sammelt der Savill Garden winterharte neuseeländische Pflanzen. Ich mag diesen Teil des Gartens, weil er sich wie eine andere Welt anfühlt. Tatsächlich kommen 80% der neuseeländischen Flora nur auf den Inseln vor.

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Cordylines sehen aus wie stachelige, vereinfachte Versionen von Palmen.
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Die Königin erhielt die ersten Pflanzen für diesen Garten als Geschenk der neuseeländischen Regierung während eines Staatsbesuchs im Jahr 1986.
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Ein großer Muehlenbeckia astonii Strauch
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Die dünnen Äste von Muehlenbeckia astonii, zum Beispiel, scheinen das 3-dimensionale Modell einer mathematischen Formel zu sein.

Mein Engländer bevorzugt eine Sammlung von Pflanzen aus mediterranen Klimazonen an einem Südhang auf der anderen Seite des Tals. Dieser Teil des Gartens ist der Dry Garden, ein Trockengarten. Er entstand 1978, kurz nachdem Beth Chatto ihr einflussreiches Buch zu diesem Thema veröffentlicht hatte. Wie im New Zealand Garden dominiert silber-grünes Laub. Aber hier ist es mit dem leuchtenden Hellgrün junger Wolfsmilch-Blätter (Euphorbia) und dem Rot winziger Tulpen gemischt. Der Dry Garden in der Frühlingssonne ist wunderschön, auch wenn er später im Jahr noch spektakulärer sein wird.

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Der Dry Garden, ein klassischer Trockengarten
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Das leuchtende Hellgrün junger Wolfsmilch-Blätter (Euphorbia) sticht hervor.
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Kleine, rote Tulpen im Dry Garden

Das gilt noch mehr für die angrenzenden Staudenrabatten, die Rosen und andere Bereiche des Gartens, die erst in einigen Monaten ihren Höhepunkt erleben werden. Aber es ist der ideale Zeitpunkt, um die Struktur des Gartens zu würdigen: Hecken, Rasenflächen, alles mit extremer Perfektion geschnitten. Bald werden sie nur noch Kulisse sein. Geschickt angefertigte Reisigkonstruktionen für hohe Staudenpflanzen werden vollständig verborgen sein. Jetzt stehen sie noch wie Skulpturen im Vordergrund.

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Die Gras-Rabatten
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Der mittlere Teil des Golden Jubelte Garden
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Der Rosengarten
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Diese Rabatte wird in einigen Monaten voller blauer Schmucklilien (Agapanthus) sein.
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Ein Weg im Golden Jubelte Garden
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Geschickt angefertigte Reisigkonstruktionen für hohe Staudenpflanzen werden vollständig verborgen sein. Jetzt stehen sie noch wie Skulpturen im Vordergrund.

Auf unserem Weg durch die Teile des Gartens, die noch auf ihre Saison warten, stoßen wir auf einige wenige Pflanzen, die gerade in voller Pracht stehen. Mein Engländer ist besonders von den leuchtend roten Blättchen eines japanischen Fächer-Ahorn (Acer palmatum) angetan. Ich entdecke eine australische Akazie (Acacia pravissima), spektakulär blühend an der Mauer des Rosengartens. Wie ein goldenes Feuerwerk leuchtet sie in der Sonne. Die Blüten ähneln denen eines meiner Lieblingsbäume, der Silber-Akazie oder falschen Mimose (Acacia dealbata), aber die Blätter sind komplett anders. Was für ein interessanter Fund.

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Mein Engländer ist besonders von japanischem Fächer-Ahorn (Acer palmatum) angetan.
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Die leuchtend roten Blättchen eines japanischen Fächer-Ahorn (Acer palmatum)
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Die Blüten ähneln denen eines meiner Lieblingsbäume, der Silber-Akazie oder falschen Mimose (Acacia dealbata), aber die Blätter sind komplett anders.
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Ich entdecke eine australische Akazie (Acacia pravissima) in voller Blüte.

In England sind Gärten oft kunstvoll verwahrlost. Der Savill Garden ist es nicht. Man findet kein einziges Unkraut. Ich kenne keinen Garten, der mit solcher Perfektion gepflegt wird. Zum Glück ist diese penible Kontrolle mit tadellosem Design und herausragenden Pflanzensammlungen gepaart, sonst würde der Garten Gefahr laufen, steril zu wirken.

Ich glaube, ich mag den Savill Garden, weil er genau so ist, wie ich dachte, daß ein Garten zu sein hat, als ich in den 1970er und 80er Jahren in Deutschland aufwuchs. Heute weiß ich, dass dieser Gartenstil nur einer von vielen ist. Aber er gefällt mir immer noch, besonders wenn er so hochklassisch präsentiert wird, wie hier.

Savill Garden in spring

Mein Engländer hat mir den Savill Garden vor Jahren gezeigt. Ich konnte sofort nachvollziehen, warum er so gerne hierher kommt. Es ist ein wunderbar entspannender Ort. Der Garten ist so perfekt angelegt, dass er sich selbst in Anwesenheit mehrerer Busladungen anderer Besucher noch angenehm geräumig anfühlt.

Normalerweise besuchen wir den Savill Garden mindestens zweimal im Jahr. Im August sind die großen Staudenrabatten am schönsten. Ich frage mich, ob wir sie dieses Jahr sehen werden.


Besuchsinformationen

Adresse: Savill Garden, Wick Ln, Englefield Green, Egham TW20 0UJ, Großbritannien

Öffnungszeiten und weitere Informationen unter: windsorgreatpark.co.uk

Früher Morgen am Ryoan-ji

Es ist sehr still. Nichts bewegt sich. Die Präzision dieses höchst fragilen Arrangements ist atemberaubend. Es ist der Ausdruck einer einfachen Idee voll unendlicher Variation. Dies ist der berühmteste Zen-Garten der Welt – Ryoan-ji.

High Beeches ist anders

Es gibt keine vorgeschriebenen Wege, keine offensichtlich konstruierten Ansichten. Die bemerkenswert spärliche Bepflanzung eröffnet eine Vielzahl von Blickwinkeln. Ein Spaziergang durch den Garten zeigt immer neue Kompositionen von Formen, Texturen, Farben. Jeder Besucher ist eingeladen, seine eigene Perspektive zu finden.