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Gartengestaltung oder Warum ich Chelsea vermisse

Gärten sind Räume, in denen Menschen mit Pflanzen interagieren. Deshalb sollte ihre Gestaltung Emotionen hervorrufen und formen. Ich erwarte, dass dies ohne Erklärungsbedarf funktioniert. Das beabsichtigte Gefühl des Gartens sollte dem Besucher unmittelbar und intuitiv zugänglich sein.

Heute hätte die RHS Chelsea Flower Show 2020 begonnen, wäre sie nicht wegen des Coronavirus abgesagt worden. Seit Monaten hatte ich mich darauf gefreut. Wie 2019 hätte ich mir als erstes zu den Schaugärten angesehen. Letztes Jahr hatte Andy Sturgeon den M&G-Garten am Anfang der Main Avenue entworfen. Üppiges Laub quoll aus Spalten zwischen kunstvoll verkohlten Holzblöcken. Grün war der erste und bleibende Eindruck. Das Schwarz der riesigen, wie Felsen wirkenden Skulpturen von Johnny Woodford bildete den perfekten Hintergrund. Wege aus rötlichem Stein und Schotter vervollständigten einen Entwurf, mit dem Andy Sturgeon „Best in Show“ gewann.

RHS Chelsea Flower Show 2019
Der M&G Garden, designed von Andy Sturgeon
RHS Chelsea Flower Show 2019
RHS Chelsea Flower Show 2019

Dieser Garten war sofort mein Favorit. Er erinnerte mich an Spaziergänge entlang üppiger Wegesränder in Devon. Die Pflanzen in diesem Garten kamen jedoch aus der ganzen Welt. Andy Sturgeon wählte Pionierarten aus den gemäßigten Zonen. Neben einem Schildblatt (Darmera peltata) entdeckte ich einen meiner Favoriten, den Winterschachtelhalm (Equisetum hyemale) mit seinen länglichen Stängeln. Ich war etwas überrascht, dass in der Informationsbroschüre, die so eifrig an die Besucher verteilt wurde, nichts über die invasive Tendenz von Equisetum hyemale erwähnt wurde. Aber das war meine einzige Kritik. Dieser Garten war zwar nicht der erste im naturalistischen Stil, aber er war einer, der seinem Gestaltungskonzept stringent folgte und das frische Grün vor dem Schwarz war grandios.

Vorbei an einer dramatisch geneigten Kiefer (Pinus Nigra Austriaca), schlängelte sich ein Weg zwischen den üppigen Blüten verschiedener Stauden zu einer Sitzgruppe in einem üppigen ausgestatteten Pavillon. Der von Chris Beardshaw entworfene Morgan Stanley Garden verband die manikürte Askese japanischer Koniferen mit dem Laissez-faire eines klassischen Cottage-Gartens und schuf so zeitgenössische, urbane Eleganz.

RHS Chelsea Flower Show 2019
Der Morgan Stanley Garden, designed von Chris Beardshaw
RHS Chelsea Flower Show 2019
RHS Chelsea Flower Show 2019

Die Bepflanzung dieses Gartens war locker und selbstbewusst, die Farbpalette gedämpft. Zwischen präzise beschnittenen, dunkelgrünen Eibe war jede der exquisit ausgewählten Stauden perfekt in Szene gesetzt. Im Mittelpunkt des Entwurfs stand eine kreisförmige Kupferskulptur an der Rückwand des Gartengebäudes. Ihre Form wurde in einer glitzernden, kugelförmigen Skulptur in der Mitte des Gartens wiederholt und als Kupferton in den Blüten der Iris ‚Kent Pride‘ wieder aufgenommen.

Die gebogene Kiefer hatte eine japanisch aussehende Stütze. Einer der Mitarbeiter, der Informationsbroschüren verteilte, erzählte, sie sei nur wegen der Vorschriften dort; der Baum brauche sie nicht. Doch ästhetisch fand ich, fügte sie subtile Perfektion hinzu.

Im Gegensatz dazu war der von Thomas Hoblyn entworfene Dubai Majlis Garden laut wie eine Fototapete aus den 1970er Jahren. Das kühle Blau eines flachen Teichs kontrastierte mit Lehmwänden in tiefem Orange-Ocker. In terrassierten Beeten leuchteten Pflanzen aus heißen und trockenen Gegenden in Blaugrün und Gelborange. Aber es gab auch ruhigere Details. Das Graublau des Wassers wiederholte sich mit unglaublicher Genauigkeit in den pelzigen Blättern des Woll-Ziest (Stachys byzantina), passenderweise auch Eselsohr oder Hasenohr genannt, während die kleinen, gelben Pompons der Cotula hispida davor tanzten.

RHS Chelsea Flower Show 2019
Der Dubai Majlis Garden, designed von Thomas Hoblyn
RHS Chelsea Flower Show 2019
RHS Chelsea Flower Show 2019

Wunderbar, dass dieser Garten es wagte, dem Trend des gemäßigten Grüns zu widerstehen, der so viele der anderen Schaugärten dominierte. Er zelebrierte Exotik und schuf den Traum einer Oase im kühlen englischen Frühling.

Ein Stück weiter ragten signalrote Brücken zwischen dicht grünem Laub hervor. Sie führen durch eine gebirgige, von gemäßigten Regenwäldern in Chile inspirierte Landschaft: zarte Fuchsien (Fuchsia magellanica), dramatische Gunnera (Gunnera manicata) und stachelig-schuppige Andentanne (Araucaria araucana). Dies war der „Trailfinders Undiscovered Latin America Garden“, entworfen von Jonathan Snow.

RHS Chelsea Flower Show 2019
Der ‚Trailfinders Undiscovered Latin America Garden‘, designed von Jonathan Snow
RHS Chelsea Flower Show 2019
RHS Chelsea Flower Show 2019

Es gab offensichtliche Parallelen zum Garten von Andy Sturgeon: eine starke Kontrastfarbe, die das grüne Laub hervorzuhob, sowie die Verwendung exotischer Pflanzen. Aber das Ergebnis war völlig anders. Das Grün war hier dunkler, rauer. Der Garten sah vertraut und gleichzeitig exotisch aus. Es war eine subtil andere Pflanzenmischung, die ich noch nie zuvor gesehen hatte.

Diese vier Gärten waren meine Favoriten auf der RHS Chelsea 2019. Einige von ihnen wurden auch von den Richtern hoch bewertet, andere nicht. Aber ich schätze, meine Kriterien für das, was ich als herausragendes Schaugartendesign betrachte, sind anders, da ich mich nicht an ein strenges Regelsystem halten muss wie die Richter des RHS.

Für mich muss ein Schaugarten ein Konzept, eine starke, innovative Idee haben. Damit meine ich nicht die Marketingbotschaft des Sponsors. Gärten sind Räume, in denen Menschen mit Pflanzen interagieren. Deshalb sollte ihre Gestaltung Emotionen hervorrufen und formen. Ich erwarte, dass dies ohne Erklärungsbedarf funktioniert. Das beabsichtigte Gefühl des Gartens sollte dem Besucher unmittelbar und intuitiv zugänglich sein. Einen Schaugarten zu betrachten, dem dies gelingt, ist reines Vergnügen. Ich hoffe, die Chelsea Flower Show wird 2021 wieder stattfinden.

Früher Morgen am Ryoan-ji

Es ist sehr still. Nichts bewegt sich. Die Präzision dieses höchst fragilen Arrangements ist atemberaubend. Es ist der Ausdruck einer einfachen Idee voll unendlicher Variation. Dies ist der berühmteste Zen-Garten der Welt – Ryoan-ji.

High Beeches ist anders

Es gibt keine vorgeschriebenen Wege, keine offensichtlich konstruierten Ansichten. Die bemerkenswert spärliche Bepflanzung eröffnet eine Vielzahl von Blickwinkeln. Ein Spaziergang durch den Garten zeigt immer neue Kompositionen von Formen, Texturen, Farben. Jeder Besucher ist eingeladen, seine eigene Perspektive zu finden.