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Pflanzen vor Wänden

Als der Flughafen-Shuttlebus über eine Hochstraße auf das Zentrum von Tokio zu fuhr dachte ich, wie grau die Stadt aussah. Es war kein dunkles, düsteres Grau, sondern die blasse Farbe von sauberem Beton, der von einer starken, fast subtropischen Sonne beleuchtet wurde.

Später, im Hotel, wurde die Farbpalette nuancierter, blieb jedoch gedämpft mit matt-beigen Böden und polierten Holzverkleidungen. In unserem Zimmer setzten sich die neutralen Töne fort – mit einem Zusatz: Grün. Hinter der Fensterscheibe war ein breiter Sims mit einem naturalistischen Arrangement aus Koniferen und Laubpflanzen bepflanzt. Die Pflanzen waren mit großer Sorgfalt platziert und beschnitten worden, um die gesamte Fensterfläche mit Grün zu verhüllen. Dennoch sah es nicht gekünstelt aus. Im 7. Stock eines Hochhauses in einem der größten Ballungszentren der Welt blickten wir auf einen Wald.

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Als wir am nächsten Tag auf die Straße traten, bestätigte sich mein erster Eindruck des Stadtbildes. Der größte Teil war farblos. Leuchtendes Rot, Blau und Gelb schienen in Einkaufs- und Unterhaltungsbezirken konzentriert. Aber, wie in unserem Hotelzimmer, stach zwischen all dem Beige und Braun und Grau grüne Vegetation hervor.

Die meisten Pflanzen wuchsen, als seien sie Teil der Architektur. Abgesehen von ein paar Bäumen entlang der Straßen, beschränkte sich die Bepflanzung fast ausschließlich auf schmale, manchmal sehr schmale, Streifen entlang der Außenmauern von Gebäuden. Es sah aus, als hätte man eine riesige Betondecke über die Landschaft gelegt und sie dann mit linearen Einschnitten versehen. Aus diesen Schlitzen erhoben sich dünne Schichten Natur und verhüllten Teile von Gebäuden. Die Methode war genial platzsparend bei maximaler visueller Wirkung, wie der 50 cm tiefe Wald vor unserem Hotelzimmer. Und sie ließ sehr unterschiedliche Interpretationen zu. Ich war geradezu besessen davon, die unzähligen seltsamen Variationen zu fotografieren, denen wir in Tokio und anderen japanischen Städten begegneten.

Ein extremes Beispiel waren Reihen einzelner Stängel des japanischen Schachtelhalms (Equisetum japonicum), die zwischen Bürgersteig und Fassade gequetscht waren. Eine zurückhaltendere Bepflanzung konnte man sich kaum vorstellen. Weniger botanisch interessierte Menschen würden vielleicht nicht einmal erkennen, dass es sich um lebende Pflanzen handelte.

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Aber es gab auch auf das andere Extrem, Pflanzen als beeindruckende Manifestation von Leben. Einige wuchsen mit solcher Wucht, dass sie aus ihren schmalen Beeten zu explodieren schienen, bereit, ganze Gebäude zu verschlingen. Überraschenderweise machte soetwas nicht den Eindruck von Vernachlässigung. Es fühlte sich eher so an, als ob die Besitzer die Wildnis willkommen hießen.

Besonders bizarr waren Häuser, aus denen Bäume zu wachsen schienen. Diese Gebäude waren so seltsam geformt, man hatte den Eindruck als wären sie um bestehende Bäume herum errichtet worden obwohl praktische Erwägungen das Gegenteil nahelegten. In jedem Fall war der Effekt zugleich seltsam brutalistisch und aufmüpfig.

Vor unserer Reise nach Japan hatte ich nicht erwartet, in den Straßen der Städte gärtnerisch Interessantes zu finden. Vor Ort war ich dann sofort fasziniert von dem Zusammenspiel aus strikter Ordnung und wildem Überschwang. Der Blick aus unserem Hotelzimmer in Tokio demonstrierte die perfekte Balance aus beidem.

Einer Freundin gebührt großer Dank dafür, daß sie uns auf das Hotel aufmerksam machte. Zu der Zeit war es noch im Bau und wir ahnten nicht, dass dies ein besonders passender Ort sein würde, um unsere Tour durch die Gärten Japans zu beginnen.

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Dies ist der erste Teil eines zweiteiligen Fotoessays über Pflanzen in japanischen Städten (zweiter Teil hier). Das Essay ist Teil einer Serie über Gärten in Japan.

Bürgersteiggärten

Die dichte Bebauung ließ keinen Platz für Gärten. Aber es gab Pflanzen – in Töpfen. Sie standen vor fast jedem Haus, meist in Gruppen neben der Haustür. Einige Häuser waren fast vollständig von einer Sammlung von Kästen und Töpfen umgeben, die alle dicht bepflanzt waren.