spring trees London

SPRACHE AUSWÄHLEN EN DE

Botanische Lektionen entlang leerer Straßen

Mitten im ersten Coronavirus-Lockdown bin ich im Südwesten Londons gestrandet. Dieser Teil der Stadt ist nie laut, aber jetzt ist es fast still hier. Nur wenige Flugzeuge sind in der Luft. Die Vögel scheinen lauter zu singen. Es gibt fast keinen Verkehr, die Leute fahren Fahrrad oder gehen zu Fuß, wenn sie das Haus für das eine von der Regierung pro Tag erlaubte Luftschnappen verlassen. Fußgänger treten vom Bürgersteig auf die Straße, um andere in dem hierzulande erforderlichen Abstand von zwei Metern passieren zu lassen. Viele lächeln und bedanken sich. Es ist Frühling, aber Wolken und Regen sind selten. Jeden Tag, so scheint is, herrscht nichts als Sonnenschein.

Entfernte Sirenen von Krankenwagen sind die einzige Erinnerung daran, dass wir mitten in einer Pandemie sind. So surreal sich diese Idylle auch anfühlt, die Bedrohung von außen hat dazu geführt, daß ich meine Umgebung umso mehr schätze.

Seit ein paar Wochen gehen mein Engländer und ich in der Nachbarschaft spazieren. Unsere Ausflüge sind zum täglichen Höhepunkt geworden – vor allem wegen der Bäume. Entlang der Straßen und in den Vorgärten entfalten sie Blüten und Blätter in einem wunderbar lebensbejahenden Erwachen.

Ich dachte immer, es sei langweilig, jeden Tag durch die gleichen Straßen zu gehen. Aber das stimmt nicht. Selten habe ich den Frühling so intensiv erlebt wie in diesem Jahr!

spring trees London
Eine Reihe von Felsenbirnbäumen (Amelanchier) entlang des Bürgersteigs
spring trees London
spring trees London

Vor ungefähr vier Wochen habe ich eine Begeisterung für Felsenbirnen (Amelanchier) entwickelt. Ihre Schönheit ist subtil. Aus der Ferne verschmelzen ihre winzigen weißen Blütenblätter und das Rotbraun ihrer Äste zu elegantem Kupfer, das in der Sonne mit Zurückhaltung glitzert. Felsenbirnen (Amelanchier) hatte ich bislang übersehen. Was für ein Fehler.

spring trees London
spring trees London
spring trees London

Gefüllte Kirschblüten sind schwer zu übersehen. Für mich hatten ihre verdoppelten Blütenblättern immer etwas Übertriebenes, Unnötiges. Aber die Spaziergänge der letzten Wochen haben mich milder gestimmt. Die unbekümmerte Fülle von zu vielen Blütenblättern in der Frühlingssonne ist überaus attraktiv, sogar dann noch, wenn sie auf dem Bürgersteig liegen.

spring trees London
spring trees London
Das frische Laub einer alten Eiche
spring trees London
Grüner Fächerahorn (Acer palmatum)

Erst in den letzten zehn Jahren habe ich Blüten schätzen gelernt. Vorher galt meine Pflanzenbegeisterung vor allem Blättern. Ich glaube, das kam durch die Zimmerpflanzen, mit denen ich mich begnügen musste, bis ich einen Garten hatte. Meine Blätter-Liebe ließ mich sogar bis in den Amazonas reisen. Mittlerweile verstehe ich den Reiz von Blüten. Doch manchmal, besonders im Frühling, werden sich noch immer von frischen, grünen Blättern übertroffen.

spring trees London
Roter Fächerahorn (Acer palmatum)

Auf der Aufmerksamkeit-Skala sind rote Blätter irgendwo zwischen Blüten und normalen Blättern. Wenn die Sonne richtig steht, übertreffen sie Blüten sogar, wie der kugelrunde Fächerahorn (Acer palmatum), den wir aus einer Einfahrt leuchten sahen.

spring trees London
Spitzahorn (Acer platanoides)
spring trees London
Blätter des Spitzahorn (Acer platanoides)
spring trees London
Rotbuche (Fagus sylvatica f. purpurea)
spring trees London
Blätter der Rotbuche (Fagus sylvatica f. purpurea)

Auf unseren Spaziergänge kommen wir manchmal durch eine Straße mit stattlichen, rot-belaubten Bäumen. Ohne genau hinzusehen, hatte ich sie immer als Blutbuchen (Fagus sylvatica f. purpurea) abgespeichert. Dann fielen mir auf einem meiner Fotos plötzlich andere Blattformen auf, die ich aber nicht genau erkennen konnte. Bei unserem nächsten Spaziergang sahen wir genauer hin und, nein, es sind nicht alles Blutbuchen. Einer der Bäume ist ein Spitzahorn (Acer platanoides). Aber von weitem sehen die Bäume gleich aus.

spring trees London
Ein Pflaumenbaum? Oder ein Kirschbaum?
spring trees London
Kirsche?
spring trees London
Pflaume?
spring trees London
Quitte?

Ich wünschte, ich hätte eine botanische Ausbildung. Vielleicht ändert sich das eines Tages noch, bis dahin lerne ich langsam dazu, oft von meinem Engländer. Doch auf unseren Spaziergängen passiert es immer wieder, daß unser beider Wissen versagt und wir eine Pflanze nicht identifizieren können. Also beginne wir zu mutmaßen: ‘Wenn Blüten und Blütenblätter gleichzeitig rauskommen, ist es eine Pflaume und keine Kirsche, aber gibt es gefüllte Pflaumenblüten? Aber die Rinde hat die horizontale Zeichnung, also muss es eine Kirsche sein. Und die tiefroten Blüten da, weißt du, welcher Baum das ist? Vielleicht ein Apfelbaum? Aber sind Apfelblüten nicht immer weiss? Ich glaube, es ist eine Quitte.’ Und manchmal stimmt eine unserer Vermutungen. Was bleibt ist das unangenehme Gefühl der Unwissenheit.

Zunehmend ersetzen wir diesen dilettantischen Ansatz. Zum Beispiel bemerkten wir immer wieder Bäume mit Bündeln schaumig weißen Blüten. Sie sahen aus wie Holunder, waren es aber nicht. Wir versuchten es mit Identifikations-Apps und Büchern, aber keine der Beschreibungen passte. Dann kamen wir mal wieder an einem der Bäume vorbei, und plötzlich merkte ich, dass die Blätter wie die der Esche im Garten meiner Kindheit aussahen. Nach etwas mehr Nachforschung fand ich die Beschreibung eine schaumig blühende Manna-Esche.

spring trees London
Mein Engländer fotografiert eine riesige Glycinie (Wisteria) an der Wand einer Lagerhalle. Er publiziert seine hervorragenden Fotos auf Instagram @londongardenlovers.
spring trees London
spring trees London

Bei all den botanische Wissenslücken gibt es mittlerweile eine Menge Pflanzen, die ich mit Leichtigkeit identifizieren kann. Wenn ich eine Glyzinie oder einen Rotdorn sehe, kann ich gar nicht verstehen, daß man ihren Namen nicht kennen kann. Das ist wie nicht zu wissen, daß ein Stuhl ein Stuhl ist.

spring trees London
Rotdorn (Crataegus laevigata Paul’s Scarlet)
spring trees London
spring trees London

Gerne würde ich die Namen von mehr Pflanzen kennen. Nicht um mit gut Latein zu prahlen, sondern um anders zu sehen. Goethe schrieb ‚Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht‘. Nachdem ich in diesem Frühjahr die Namen und Merkmale mehrerer Bäume gelernt habe, betrachte ich sie jetzt anders, sie sind zu Individuen geworden, herausgehoben aus einer undifferenzierten Masse von Grün. Es muss wunderbar sein, alle Pflanzen, die einem begegnen, identifizieren zu können.

Bürgersteiggärten

Die dichte Bebauung ließ keinen Platz für Gärten. Aber es gab Pflanzen – in Töpfen. Sie standen vor fast jedem Haus, meist in Gruppen neben der Haustür. Einige Häuser waren fast vollständig von einer Sammlung von Kästen und Töpfen umgeben, die alle dicht bepflanzt waren.

Pflanzen vor Wänden

Vor unserer Reise nach Japan hatte ich nicht erwartet, in den Straßen der Städte gärtnerisch Interessantes zu finden. Vor Ort war ich dann sofort fasziniert von dem Zusammenspiel aus strikter Ordnung und wildem Überschwang. – Dies ist der erste Teil eines zweiteiligen Fotoessays über Pflanzen in japanischen Städten.