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Stangenbohnen und Crocosmia

Der Garten meines Engländers, und meiner [Teil 2]

Im Gartencenter waren wir wie Kinder im Süßwarenladen. Endlich konnten wir Pflanzen aussuchen. Es war Frühjahr 2015 und das Grundgerüst unseres Gartens war gerade fertig geworden. Es gab keinen Pflanzplan, nicht einmal ein Farbschema, das unsere Auswahl beeinflußt hätte. Wir nahmen einfach die Pflanzen aus dem Regal, die uns gefielen.

Während mein Engländer zielstrebig nach Namen wie Helenium, Crocosmia oder Geum suchte, schlenderte ich durch die Gänge, bis große Blätter, wie die einer Calla (Zantedeschia aethiopica,), meine Aufmerksamkeit erregten. Mein Interesse am Gärtnern hatte mit Zimmerpflanzen begonnen, und nun war ich auf der Suche nach exotisch anmutenden Blattpflanzen, die im Freien überleben würden.

Die Pflanzenbegeisterung meines Engländers hatte einen traditionelleren Ursprung: die farbenfrohen Blumenrabatten seiner Großmutter und Mutter. Sie hatten ihn dazu inspiriert, als Erwachsener unzählige der berühmte Gärten vor allem auf den britischen Inseln zu besuchen. Infolgedessen gehörten lateinische Pflanzennamen zu seinem Wortschatz, während sie für mich zwar interessant, aber fremd klangen.

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Crocosmia
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Geum
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Zantedeschia

Wir wollten diesen Garten gemeinsam anlegen, und daher war klar, dass der andere bei unserer individuellen Pflanzenauswahl ein Mitspracherecht haben musste. Während dieses ersten Besuch im Gartencenter begannen wir, ein System zu entwickeln, das schließlich zu einer einfachen Regel wurde: Für jede Pflanze, die einer von uns haben wollte, durfte der andere ebenfalls eine aussuchen. Außerdem erhielt jeder von uns ein Vetorecht.

Eine Gruppe von Pflanzen bedurfte keiner großen Diskussion: Obst und Gemüse. Wir waren beide auf dem Land aufgewachsen, mit großen Gärten voller Nutzpflanzen. Die Mutter meines Engländers unterhielt nach wie vor ein beeindruckendes Gemüsebeet, in dem sie unter anderem köstlichen Zuckermais anbaute. Die Ernten meiner Großmutter lagen zwar weit in der Vergangenheit, aber ich vermisste den Geschmack Strauch-frischer Bohnen und Erbsen noch immer.

Die Idee für unseren Garten war, Nutz- und Zierpflanzen einfach gemischt zu pflanzen. Die Inspiration dazu stammte von einer BBC Sendung, die ich Jahre zuvor gesehen hatte, ‘The Edible Garden’ mit Alys Fowler. Ich war fasziniert von der zeitgenössischen Version des altmodischen Bauerngartens, die darin präsentiert wurde. Das Prinzip war so radikal und doch so einfach, dass ich mich fragte, warum es nicht häufiger angewandt wurde, insbesondere in kleinen Gärten. Auch meinem Engländer gefiel die Idee eines gemischten Gartens, teils essbar, teils ornamental, und als Ganzes attraktiv.

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Wir begannen zu pflanzen, und es war herrlich, endlich die Hände in der Erde zu haben. Für meinen Engländer war dies der allererste Garten, während bei mir waren fast 3 Jahre vergangen, seit ich meinen vorherigen Garten verlassen hatte. Aber wo genau sollte jede Pflanze hin? Was als grandiose Idee so flexibel erschienen war, entpuppte sich als ein kompliziertes Puzzle von Standortanforderungen unterschiedlicher Pflanzen. “Gemischt“ war nicht mit “zufällig“ zu verwechseln, denn in vielen Fällen diktierten die Bedürfnisse einer Pflanze einen ganz bestimmten Standort. Unsere beiden Spalier-Birnbäume zum Beispiel mussten an einem geschützten, sonnigen Ort gepflanzt werden, wo sie befestigt werden konnten, was nur auf der rechten Seite des Hochbeetes möglich war. Außerdem musste in einem so kleinen Garten der Platz sparsam genutzt werden. Eine Pflanze, die sich so stark ausbreitete wie die Zuchini, konnte daher nur vorne im Hochbeet stehen, denn dort konnte sie sich über den Rand hinauswachsen ohne anderen Pflanzen Platz wegzunehmen. Manche Arten pflanzten wir erst gar nicht ins Beet. Himbeeren z.B. wären zwischen anderen Pflanzen so schwer zu bändigen gewesen, daß sie besser im Topf blieben.

Die wichtigste Überlegung war allerdings der Standort der Gemüsepflanzen. Ständig mußte dort gepflegt und geerntet werden, was in der Mitte unseres 3 mal 4 Meter großen Hauptbeetes unpraktisch gewesen wäre. Das Gemüse kam daher mehr oder weniger an den Beetrand. Erst als all das entschieden war, konnten wir den verbleibenden Platz mit Zierpflanzen füllen. Hier ließen wir dann tatsächlich das Zufallsprinzip walten, denn bei vielen Arten hatten wir keine Ahnung, wie die kleinen Pflänzchen sich entwickeln würden.

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Alles wuchs unglaublich gut in unserem neuen, mit Kompost angereicherten Boden. Wir ernteten Birnen und Beeren, Auberginen und Tomaten, Salate, Erbsen, Kohl und Wurzelgemüse aller Art sowie Unmengen von Zucchini und Stangenbohnen. Und das Wichtigste: Während wir diese kulinarischen Köstlichkeiten genossen, sahen wir von unserem Esstisch aus in einen wunderschönen Garten. So hatten wir uns das vorgestellt – mit Ausnahmen allerdings.

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Von unserem Esstisch aus sahen wir in einen wunderschönen Garten. So hatten wir uns das vorgestellt – mit Ausnahmen allerdings.

Wir stellten fest, dass nicht alle Gemüsepflanzen schön waren. Die dicken Bohnen hatten hervorragend geschmeckt, die Pflanzen aber nicht immer gut ausgesehen. Außerdem sahen einige der Netze, die wir konstruiert hatten, um z.B. Vögel von unseren Himbeeren fernzuhalten, eher häßlich aus.

‘Vielleicht sollten wir aufhören, Beerenobst anzubauen’, überlegte mein Engländer. Es dauerte eine Weile, bis ich zustimmte, zu sehr genoß ich es, morgens eine Hand voll köstlicher Beeren für mein Müsli zu pflücken. Gab es vielleicht eine Möglichkeit, die diversen Schutzmaßnahmen auf attraktive Art in die Gestaltung des Gartens zu integrieren? Leider nicht. In einem so kleinen Garten würden sie in jedem Fall unangenehm auffallen.

Also verschenkten wir die Erdbeer-, Heidelbeer- und Himbeerpflanzen, stellten den Anbau von dicken Bohnen ein und verzichteten auf alle Kohlarten, denn auch die brauchten Netze, um sie vor Kohlweißlingen zu schützen. Stattdessen säten wir nun mehr Erbsen, Zuckermais und Salate.

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Alles wuchs unglaublich gut in unserem neuen, mit Kompost angereicherten Boden. Wir ernteten Birnen und Beeren, Auberginen und Tomaten, Salate, Erbsen, Kohl und Wurzelgemüse aller Art sowie Unmengen von Zucchini und Stangenbohnen.
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Es funktionierte. Unsere Ernte war zwar nicht mehr so vielfältig, aber dafür war jetzt alles in ausreichender Menge für komplette Mahlzeiten vorhanden. Gleichzeitig wurde der Blick vom Esstisch immer besser. Es entstanden attraktive Pflanzenkombinationen, wie das fast identische Rot der Blüten von von Stangenbohnen und Crocosmia (Montbretie). Mit Hilfe vieler weiterer Pflanzenkäufe verwandelte sich die Mitte des Hauptbeetes in ein ständig wechselndes Schauspiel aus zarten Blüten und dramatischen Blättern. Wir hatten es geschafft, einen attraktiven Garten anzulegen, der uns zusätzlich mit köstlichen Nahrungsmitteln versorgte – und das alles auf weniger als 18 Quadratmetern Erde.

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Es funktionierte. Unsere Ernte war zwar nicht mehr so vielfältig, aber dafür war jetzt alles in ausreichender Menge für komplette Mahlzeiten vorhanden. Gleichzeitig wurde der Blick vom Esstisch immer besser. Es entstanden attraktive Pflanzenkombinationen.
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Aber etwas störte das Bild: kahle Stellen. Je höher und dichter die mehrjährigen Zierpflanzen in der Mitte unseres großen Beetes wurden, desto mehr fielen unbewachsene Fleckchen Erde am Rand auf. Die meisten Gemüsesorten waren einjährig, viele von ihnen waren nach wenigen Wochen abgeerntet. Die entstandenen Lücken sollten dann mit neuen Setzlingen aufgefüllt werden. Zumindest theoretisch. In der Praxis erwies sich dies als ein recht komplexes Unterfangen.

Um einen stetigen Nachschub an unterschiedlichen Setzlingen zu gewährleisten, braucht es viel Erfahrung. Ich hatte mich in meinem früheren Garten nur zwei Jahre lang an Nutzpflanzen versucht, für meinen Engländer war es etwas komplett Neues, das er während meiner häufigen Abwesenheit auch noch alleine bewältigen mußte. Oft fehlten uns Pflanzen, z.B. hatten wir den Salat zu früh gesät und dann war er geschossen, bevor der Platz zum Auspflanzen frei wurde. Das kleine Gewächshaus erwies sich zudem als weniger geeignet für die Anzucht als erwartet. Es wurde schnell zu heiß und bot zu wenig Platz für eine ausreichend große Auswahl an Jungpflanzen, for allem weil es gleichzeitig auch noch Tomaten, Auberginen, Paprika und Gurken beherbergen sollte. Aus optischen Gründen konnten die Saatschalen auch nirgendwo anders im Garten stehen.

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Aber etwas störte das Bild: kahle Stellen. Je höher und dichter die mehrjährigen Zierpflanzen in der Mitte unseres großen Beetes wurden, desto mehr fielen unbewachsene Fleckchen Erde am Rand auf.
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Meines Engländer begann, vereinzelt kahle Stellen mit einjährigen Blumen zu füllen. Zierpflanzen waren seine große Leidenschaft geworden. Studentenblumen (Tagetes) und Ringelblumen (Calendula) fügten sich gut ein. Dann pflanzte er einen Tithonia-Setzling in den vorderen Teil des Hauptbeetes. Ich glaube, ich hatte den Samen im Jahr zuvor wegen der intensiv orangefarbenen Blüten auf der Packung ausgesucht. Leider las keiner von uns den Text auf der Rückseite, und so wurde der kleine Setzling sehr schnell sehr groß, bis er den halben Garten verdeckte.

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Tithonia

Obwohl das Tithonia-Experiment spektakulär schiefgegangen war, war es dennoch lehrreich gewesen. Jedes Jahr verstanden wir besser, was funktionierte und was nicht. Ein Problem lösten wir jedoch nie ganz. Aus ästhetischer Sicht hatten wir den Anspruch, eine lückenlose Vegetation hinzubekommen. Gleichzeitig sollten die Setzlinge genug Platz haben, um sich optimal entfalten zu konnten. Heute weiß ich, daß wir schnell wachsende Arten wie Salate um langsam wachsende Arten wie Lauch hätten pflanzen sollen, und zwar sehr dicht. Aber irgendwie erschien mir das damals falsch, wahrscheinlich weil ich mir Gemüseanbau nur so vorstellen konnte, wie ich ihn bei meiner Großmutter gesehen hatte.

So blieben unattraktive, kahle Stellen, auch wenn immer öfter ein kleines Pflänzchen in ihrer Mitte stand. Während wir noch darüber nachdachten, ob wir uns irgendwie an die Lücken in der Bepflanzung gewöhnen könnten, entdeckte die Katze der Nachbarn unseren Garten. Von da an wurde jedes freie Stückchen unseres schönen, lockeren Bodens zur Katzentoilette. Für meinen Engländer brachte das das Faß zum überlaufen. So sehr er Katzen auch mochte, das ging zu weit. Er war bereit, Nutzpflanzen ganz und gar aufzugeben. Es gab da einen Bio-Lieferanten, dessen Obst und Gemüse wie aus dem eigenen Garten schmeckte. Vielleicht sollten wir einfach dort bestellen.

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2015
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2016
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2017
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2018

Ich war mir nicht sicher. Nüchtern betrachtet war unser Garten eher ein unbeholfenes Nebeneinander aus Zier- und Nutzpflanzen und nicht die grandiose Mischung, die wir uns vorgestellt hatten. Für mich war ein Garten aber automatisch auch ein Nutzgarten, denn so hatte meine Großmutter gegärtnert. Langsam wurde mir allerdings klar, daß die Nutzpflanzen uns in unserer gärtnerischen Kreativität bremsten, uns davon abhielten, andere Aspekte des Gärtnerns auszuloten. Vielleicht würden wir eines Tages zum Obst- und Gemüseanbau zurückkehren. Wir könnten sicherlich noch einiges lernen. Im Moment gab es zu viel anderes zu erkunden. Inspiriert durch meinem Engländer, hatte ich begonnen, Gärten als ästhetische Räume zu betrachten. Das war aufregend und neu.

Im Herbst 2018 verschenkten wir den restlichen Gemüsesamen und begannen ein neues Kapitel gemeinsamen Gärtnerns.

Dieser Artikel ist der zweite Teil in der Serie ‘Der Garten meines Engländers, und meiner’. Teil 1 ist hier, weitere Teile werden folgen.

Der Bau eines Grundgerüstes

Der Garten meines Engländers, und meiner [Teil 1] – Das Ergebnis war spektakulär. Die Gestaltung des Gartens war plötzlich wie aus einem Guss. Das fein strukturierte Holz harmonierte mit den Materialien im Inneren des Hauses. Die klaren Linien des Gartens sorgten für ein Gefühl luxuriöser Weite. Endlich konnten wir anfangen zu pflanzen.

Sibylles stilvolle Oase

Sibylles Garten könnte problemlos die Titelseite eines Style-Magazins füllen. Sie hat eine fantastisch luxuriöse, harmonisch ausgewogne Szene geschaffen. Hier und da sind Blüten zu sehen, aber Grün ist die vorherrschende Farbe. Von den niedrigen Stauden bis zu den Kletterpflanzen und nicht zuletzt den Blättern der Gleditsia sieht alles Laub aus, als wäre es mit einem sehr feinen Pinsel akribisch gemalt worden.