Thomas

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Thomas und seine Zimmerpflanzen

"Zimmerpflanzen werden aus ästhetischen Gründen gekauft, aber dann hätten sich längst Plastikblumen durchgesetzt,” überlegt Thomas, “Es muss also einen Grund geben, warum wir glauben, dass eine echte Blume positiver ist als eine Kunststoffblume.”

Ich steige Treppenstufen, viele Treppenstufen. Thomas‘ Wohnung liegt im dritten Stock eines Wohnhauses in der Düsseldorfer Innenstadt. Ich bin hier, um mit ihm über seine Pflanzen zu reden. Thomas begrüßt mich kurz, muss aber noch etwas in der Küche erledigen. Also sehe ich mich schon mal in seinem Wohnzimmer um.

Es ist ein großer, luftiger Raum, mit weißen Wänden, einem riesigen weißen Sofa und Holzboden. Die Atmosphäre ist freundlich und entspannt, ein bisschen improvisiert, aber gemütlich. Eine Ecke des Raumes ist Musik gewidmet, die Plattensammlung ist in einer Vitrine. Auf der anderen Seite, vor einem Bücherregal, steht ein zum Schreibtisch umfunktionierter alter Küchentisch. Überall im Raum sind bunte Objekte verteilt. In einer Ecke steht ein orangefarbener Lampenschirm neben einem rot-blau karierten Kissen neben einem lindgrünen Schrank und einer Gruppe verschiedenfarbiger Weihnachtskugeln, die von der Decke hängen.

Thomas
Thomas‘ Wohnzimmer, mit der Amaryllis-Pflanze in der Mitte

In der Mitte des Raumes sticht ein Objekt hervor. Genauer gesagt handelt es sich nicht um ein Objekt, sondern um eine Pflanze. Drei sehr große, trompetenförmige Blüten hängen an einem hohen Stiel, der aus einer Blumenzwiebel ragt. Der Stil ist mit einem violetten Band an einem Holzstab befestigt. Die Blütenblätter sind weiß mit einem leuchtend roten Streifen, der wie ein Pinselstrich aussieht. Dies ist eine ‘Hippeastrum‘ Pflanze, umgangssprachlich ‚Amaryllis‘ genannt (obwohl das seit 1987 botanisch falsch ist).

Thomas kommt und wirft sich auf das Sofa. Von dort hat er den perfekten Blick auf die Amaryllis. „Sie blüht jedes Jahr, etwa eine Woche lang“, sagt er grinsend. Ich kann das kaum glauben, denn das ist eine der Blumenzwiebeln, die die Leute Anfang Dezember kaufen um sie nach Weihnachten zu entsorgen. Es ist schwierig, sie wieder zum Blühen zu bringen, und wenn man es schafft, ist die Blüte meist eher mickrig. Diese hier ist bei weitem die größte und gesündeste Amaryllis, die ich je gesehen habe.

„Wie schaffst du es, daß sie wieder blüht?“ frage ich Thomas. Er versteht meine Frage nicht. Sie blüht einfach. „Gibst du ihr Dünger?“ versuche ich es noch einmal. „Kaffeesatz. Was gut für mich ist, ist auch gut für meine Pflanzen“, verkündet er. Botanisch gesehen ist die Behauptung schwer aufrechtzuerhalten, aber irgendwie schafft Thomas es definitiv, diese Pflanze bei Laune zu halten.

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Dies ist eine ‘Hippeastrum‘ Pflanze, umgangssprachlich ‚Amaryllis‘ genannt (obwohl das seit 1987 botanisch falsch ist).

Während er mit stiller Faszination die Amaryllis-Blüten ansieht sagt Thomas, dass man Pflanzen am besten getrennt von anderen wahrnehmen kann: „In der Natur erscheint eine Pflanze nie allein, man sieht sie immer in der Umgebung, in der sie aufgewachsen ist. Aber um sie wahrzunehmen, muss man sie isolieren. Und Topfpflanzen sind immer isoliert. Wenn man eine Pflanze aus der Natur herausnimmt, sieht man sie ganz anders.“

Thomas präsentiert seine Amaryllis wie eine Skulptur, mit dem Sofatisch als Sockel. Normalerweise steht sie auf der Fensterbank. Erst als sie vor einigen Tagen zu blühen begann, holte er sie in die Mitte des Raumes.

„Zimmerpflanzen werden aus ästhetischen Gründen gekauft, aber dann hätten sich längst Plastikblumen durchgesetzt,” überlegt Thomas, “Es muss also einen Grund geben, warum wir glauben, dass eine echte Blume positiver ist als eine Kunststoffblume. Ich denke, das liegt daran, dass es lebende Wesen sind, die eine Form von – ich weiß nicht – Präsenz haben.” ‘Präsenz’ ist ein gutes Wort für das, was hier passiert. Die Amaryllis scheint den gesamten Raum zu beherrschen, mühelos.

Im Vergleich dazu wirken die vier Pflanzen auf der Fensterbank zurückgezogen und schlicht. Eine davon sieht aus wie die Kreuzung zwischen einem Spargelfarn und einer Zypresse. Thomas kennt den Namen nicht, aber er warnt mich, dass in dem weichen Laub Dornen versteckt sind. Daneben steht eine Sukkulente mit großen, scheibenförmigen Blättern. Ihr Stamm scheint mit einer dünnen Schicht weißen Pulvers bedeckt zu sein. Zahlreiche Samenstände zeigen, dass sie kürzlich erst geblüht hat. Eine Pflanze mit dunklen, ledrigen Blättern, vielleicht eine Art Feige, steht ein wenig verkrüppelt daneben. Ihr Haupttrieb wurde irgendwann einmal stark beschnitten. Im vierten Topf ist eine Zwiebelpflanze mit langen, schmalen Blättern, ein Ableger der großen Amaryllis, aber ohne Blüte.

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Die vier Pflanzen auf der Fensterbank wirken eher zurückgezogen und schlicht.
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„Was ich an ihnen mag, ist, dass sie alle ganz verschieden sind“, sagt Thomas mit dem Blick auf die Fensterbank-Pflanzen, „und es gibt noch unzählige andere. Zehntausende von möglichen Leben, die alle völlig anders aussehen, nicht aus einem Wunsch nach Schönheit, sondern aus einer Notwendigkeit und dem Druck der natürlichen Auslese. Das bedeutet, dass die Pflanzen so aussehen, wie es ihnen die besten Chancen zum Überleben und zur Fortpflanzung gegeben hat. Ihre Schönheit ist eigentlich ein Nebenaspekt, der wahrscheinlich nur dem Menschen auffällt. Ich finde das total interessant und es lässt mich über die verschiedensten Lebensweisen nachdenken. Es ist ein Ausdruck von Freiheit und Vielfalt, obwohl die einzelne Pflanze selbst eigentlich das Ergebnis eines Kampfes ist.”

Thomas
„Die Topfpflanzen sind so angeordnet, dass niemand von der anderen Straßenseite reinsehen kann“, sagt er und deutet in Richtung des Fensters auf der anderen Seite des Raumes.

Während ich noch darüber nachdenke, ob wohl viele Leute so über ihre Zimmerpflanzen denken, setzt sich Thomas hinter den Küchentisch, der sein Schreibtisch ist, und legt seine Füße auf den Tisch, im Stil eines Detektivs aus dem 1970er-Jahre Kino. „Die Topfpflanzen sind so angeordnet, dass niemand von der anderen Straßenseite reinsehen kann“, sagt er und deutet in Richtung des Fensters auf der anderen Seite des Raumes. Position und Größe jeder Pflanze wird durch das perfekte Verhältnis zwischen Verdeckung und Lichtdurchlässigkeit bestimmt. Wenn sie zu groß werden, beschneidet er sie. Im Moment ist eine etwas zu niedrig und wird daher öfter gegossen. So sitzt und denkt Thomas gerne, exakt so. „Was ich interessant finde ist, dass Pflanzen völlig wehrlos sind und überhaupt nichts tun, und trotzdem haben sie einen gewissen Stolz. Und ich würde sagen, dass jedes Lebewesen einen Stolz hat, einfach deshalb, weil es da ist.”

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